HERZBLUT FREIE SZENE #008 – Neuer Zirkus und das Chamäleon Theater Berlin

berliner-runde_herzblut_freie_szene_chamaeleon-850x364

Download-Seite mit verschiedenen Formaten: https://archive.org

In der achten Sendung von HERZBLUT FREIE SZENE hatten macro und ich Alexandra Henn von den Chamäleon Productions und Hendrik Frobel, der Theater Direktor vom Chamäleon Theater zu Gast. Wir sprachen über den Neuen Zirkus, eine Kunstform, die in Frankreich der 1970er Jahre als Cirque Nouveau entstandene ist . Das Chamäleon widmet sich dieser Modernisierung und Weiterentwicklung des klassischen Zirkus und Varietés mit dem Motto „Neuer Zirkus einfach anders“. Dazu gibt es ein Manifest des zeitgenössischen Circus in Deutschland mit vielen Infos über das Genre und die kulturpolitische Einordnung.
Und hier sind die Facebook-Seiten unserer Gäste: https://www.facebook.com/chamaeleontheater und https://www.facebook.com/chamaeleonproductions/.

Rückblick

Neuer Zirkus

Ausblick

Das Foto vom Chamäleon bei Nacht stammt von Jean-Paul Raabe/Chamäleon.


Nächste Sendung: Dienstag, 7. November 2017 18 – 19 Uhr
Colaboradio im Pi Radio-Verbund
Berlin UKW 88,4 MHz und Potsdam UKW 90.7 MHz
Stream: colaboradio.de

Advertisements

Tortured Mind – sehenswerter Wahnsinn

Seit einiger Zeit schreibe ich immer wieder über Aufführungen von modernem Zirkus. Das Chamäleon in Berlin hatte mit einer Presseeinladung mich auf die Spur gesetzt. Nun hatte ich gesteren das große Vergnügen vom Künstlerkollektiv InPulse die Vorpremiere von Totured Mind zu sehen.

Ich bin sicher nicht der Kritiker zum Thema moderner Zirkus und sehe nur einen Bruchteil der Produktionen hier in Berlin, aber ich erkenne gute Performer und auch durchdachte Konzepte. Meine Kritik an vielen Shows ist daher der fehlende Zusammenhang. Oft erkennt man nur zu deutlich, dass die Artisten ihre Solonummer vorführen und diese von einem Regisseur meist mit lieblosen Zwischensequenzen zuammengekleistert werden. Von einer Geschichte oder gar einer Frage, die behandelt werden soll gar nicht zu sprechen.

Ganz anders gestern Abend bei Tortured Mind! Hier gibt es eine Geschichte und die Performer mit ihren ausordentlichen Fähigkeiten verstehen sie in spannungsvolle Bilder zu übersetzen. Einfach gesagt geht es um einen Mann (Alessandro di Sazio), der den Verstand zu verlieren scheint und daher Hilfe bei einer Psychaterin (Faon Shane) sucht. Im Laufe der 70 Minuten verändert sich das Verhältnis vom Patienten zur Ärztin und die Grenzen des Wahnsinns verschwimmen. Die Figuren entwickeln sich, zeigen neue Facetten und das Publikum sieht gespannt zu.

Dabei ist besonders faszinierend, wie die Akrobatik und Präzission der Performer es vermag eine absurde Welt des Inneren herzustellen. Im wahrsten Sinne des Wortes kann man an die Decke gehen, sich geistig verränken und in den Ketten der eigen Ansprüche gefangen bleiben. Durch Sound-Designer Patrick Zylka wird gar mit Stimme und Geräuschen joungliert und man weiß oft nicht, ob man ihm lieber beim Erzeugen des Sound zusehen oder die von ihm geschaffenen Bilder genießen will  – und dann kann er nicht nur das! Verrückt.

Und bis auf eine Ausnahme sind alle akrobatischen Elemente so in die Geschichte eingebunden, dass sie nicht als Einzelnummern auffallen – wofür es von mir einen Extraapplaus gibt!

Mein Fazit für Tortured Mind: Ansehen! Hier kann man in die Zukunft des modernen Zirkus sehen und sich dabei sehr gut unterhalten lassen.

Termine: vom 17.-26. Juli im Theater des Aufbauhauses
Infos: www.theater-aufbau-kreuzberg.de

Noch ein paar Worte, aber nur für das Ensemble! (Alle anderen lesen hier nicht weiter, sondern gehen Tortured Mind ansehen!) Danke für die Einladung und den Blick auf diese gelungene Arbeit. Was das Thema Geschichten – also das Storytelling – betrifft, habt ihr mich noch nicht zu 100% überzeugt. Denn ich sehe, was ihr erzählt, bin begeistert, wie ihr es erzählt, aber vermisse das Warum ihr es erzählt. Sollte ich mit der Antwort nachhause gehen, dass wenn man sich mit Wahnsinn beschäftigt, am Ende in den selben Ketten gefangen wird? Oder das die „Normalen“ die Wahnsinnigen sind?

Was ich mir vom moderen Zirkus wünsche ist mehr Haltung. Ihr habt so großartige Ausdrucksmittel mit Euren so gut trainierten Körpern, aber all zu oft werden nur Effekte gezeigt und nichts gesagt. Aber Menschen mit solch ausgeprägter Fähigkeit zur (Körper)Haltung wünsche ich den Mut auch mehr persönliche Haltung auf der Bühne zu bringen und das gern unterhaltsam.

DUMMY Lab – die Verbindung von Körper und digitalem Geist

Am vergangen Donnerstag waren wir Gäste bei der neuen Produktion des Chamäleons in Berlin. Als der Ort für neuen Zirkus schafft es diese altgediente Institution immer wieder zu überraschen. Nach der für mich enttäuschenden Produktion Cross Roads, die vieles versprach, was ich nicht eingehalten sah, war DUMMY Lab eine echte Offenbarung!

Für mich als Theatermacher und -liebhaber fehlt immer noch die Geschichte, der rote Faden, im modernen Zirkus. Es dauert mich einfach, dass so wunderbare Akrobaten, Artisten und Künstler oft nur Effekte schaffen, anstatt diese Mittel für eine Aussage zu nutzen. Aber gut, ich kann nicht alles haben.

Aber DUMMY Lab konnte mich in vielen anderem Überzeugen, denn die Macher haben so vieles richtige gemacht. Die Regisseure Eike von Stuckenbrok und Markus Pabst verstand es alles aus einem Guss zu gestalten. Die rohe industrielle Musik von Reecode, gemischt mit dem elektrisch verstärkten Cello von Lih Qun Wong verband die Nummern der Akrobaten zu einen ästhetischen Ganzen.

Eigentlich hatte ich alles schon gesehen, ob es das Vertikaltuch war oder die Stäbe oder Ringe oder selbst die Akrobatik am namensgebenden Dummy – was geboten wurde, war nicht neu oder außergewöhnlich. Es war aber so erfrischend, dass hier nicht nur nach akrobatischen Höchstleistungen geschielt wurde, denn Akrobatik an sich ist beeindruckend genug. Es wurde viel mehr darauf geachtet, dass alles sich einpasste in diese digitale Spiegelwelt.

Mit Computertechnik, Kameras und Projektoren wurde in DUMMY lab eine Erweiterung der Bewegung und der Körper in eine digitale Welt geschaffen, die mich an Filme wie Tron und Computerspiele erinnerte. Mit offenem Mund verfolgte ich das Zusammenspiel von Mensch, Bühne, Technik und digitalem Design. Wer sich auf neue digitale Bilderwelten einlassen kann und daran Freude findet, der sollte DUMMY lab nicht verpassen.

Und einen Dank möchte ich noch ans Chamäleon senden, dass ich auch diese Show sehen und besprechen durfte.

Auf zu Crossroads

http://chamaeleonberlin.de/video/crossroads/html5

CROSSROADS im Chamäleon

Am Dienstag geht es ins Chamäleon Theater Berlin zu ihrer neusten Produktion Crossroads. Wie schon bei Flip und Beyond darf ich wieder berichten, wie ich die Show fand. Das will ich auch gern tun, denn ich muss sagen, dass ich die beiden Shows unterhaltsam fand.

Es freut mich, dass ich nun die dritte Produktion in Folge besprechen darf, denn ich sehe so viele erzählerische Möglichkeiten in der Artistik, die oft nicht genutzt werden. Die Story von Beyond war schwach, die von Flip auch, aber Flip war unterhaltsam und hat mir großen Spaß gemacht. Ob ich Crossroads mag, werde ich sehen müssen, denn dieser Pressetext sagt nichts über den Inhalt:

„In dieser furiosen Show prallen Zirkus-, Tanz- und Soundwelten aufeinander. Neues trifft auf Altes, Zirkus trifft auf Cabaret und löst dabei die Grenzen zwischen Körper und Instrument, zwischen Bewegung und Musik, zwischen Vergangenheit und Zukunft auf.“

Für mich stellt sich hier die erste Frage: Wozu? Aber ich will nicht negativ sein. Erst ein Bild machen und dann urteilen. Alles andere wäre unfair!

Flip im Chamäleon oder wie man gute Laune verbreitet

Mich persönlich interessiert zurzeit bei all der Kunst, die ich sehe, zuerst der Inhalt und dessen Aussage. Ich mag nicht, wenn man mir die Welt dekonstruiert, um mich dann mit den Einzelteilen sitzen zu lassen. Frei nach dem Motto: Da, so kaputt ist das, aber wie es wieder zusammengeht, dass finde selbst heraus. Ja, ich wünsche mir eine Haltung von der Kunst die ich sehe.

In dem Zusammenhang war der Besuch bei Flip im Chamäleon ein Wagnis. Aber die Presseabteilung lud mich ein (zum 2. Mal) und so ging ich mit meiner besseren Hälfte, um „atemberaubende Akrobatik und neue Artistik“ zu sehen. Und ja, Flip hat auch eine Geschichte: „Sechs Freunde, ein letzter Sommertag, der Abschied fällt schwer auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Doch wie viel freudiger ist das Wiedersehen nach Jahren – so leicht und beschwingt, als wäre kein Tag des Getrenntseins vergangen.“

http://chamaeleonberlin.de/video/flip/html5

FLiP ab März im Chamäleon

Ich muss sagen, den Sommertag und die Jugend habe ich gesehen, der Rest erschloss sich mir nicht. Aber fast möchte ich sagen, dass es egal war. Denn die Artistik der kanadischen Truppe Flip FabriQue war hinreißend und spielerisch. Manche akrobatischen Figuren hatte ich schon waghalsiger gesehen, da fiel ein Ball herunter oder dort verhedderte sich ein Fuß in einem Seil. Doch es kümmerte mich nicht, weil eine Spielfreude auf der Bühne herrschte, die den gesamten Saal in Bann zog. Diese Akrobaten wollten springen, klettern und toben. Ihr Bühnenbild, eine rötliche Wand war mit fenstergroßen Durchlässen versehen, die sie zu allerlei Spiel nutzten.

Das Chamäleon spricht selbst davon, dass alles „mit einem Augenzwinkern“ in Szene gesetzt sei. Und das hat für mich den Abend ausgemacht. Hier wurde nicht nach einer Ästhetik geschielt, die so oft unter den einzelnen Interessen der großen Akrobaten leiden muss, damit jeder seine Nummer und sein Das-kann-nur-ich-Solo abziehen kann. Selbstverständlich zerfiel FLIP auch in Einzelnummern, aber die Regie verstand es weitgehend hervorragend, die anderen Akrobaten in die Nummern einzubinden. Wunderbar zum Beispiel die Beleuchtung eines Jojo-Solos mit LED-Taschenlampen durch die Kollegen. Aber wirklich unterhaltsam waren die gemeinsamen und nicht so weltneuheitlichen Aktionen, wie das Langseilspringen oder das Medizinballjonglieren.

Diese Leichtigkeit, die im Zusammenspiel bei Flip zu sehen war, vermisse ich oft im sogenannten neuen Zirkus. Hier werden angeblich nicht einfach Nummern aneinander gereiht, sondern „Geschichten“ erzählt. Doch nur irgendeine Geschichte reicht einfach nicht – zumindest nicht für mich. Wenn soll sie mir auch etwas sagen. Wir waren nun vergangenen Montag ebenfalls im Chamäleon und sahen Tangram, die Verbindung von Jonglage und Balett. Versprochen wurde hier eine Paarbeziehung, bei der wir dramaturgisch letztlich „nur“ dem Auf und Ab zwischen Anziehung und Streit beiwohnen durften. Bitte, man verstehe mich nicht falsch, es waren zwei großartige, wenn nicht gar Weltklasse Artisten, aber die Story war belanglos. Keine Erkenntnis, keine Aussage, aber ein gekünselter Ernst. Oder soll es eine Brechung sein, wenn im akrobatischen Streit der Herzen, die Tänzerin ihr Lächeln nicht abzulegen vermag?

Ich will nicht sagen, dass mit Akrobatik und Zirkus keine Geschichten erzählt werden sollten, aber wenn sie nur der dünne Kitt zwischen den Nummern ist, dann lieber ein Ansager. Ich warte auf die Produktion, wo die Akrobatik nur der Handlung dient und somit wirklich zu einem neuen Ausdrucksmittel in der Bühnensprache wird.

Und bis es soweit ist, lasse ich mich lieber von der guten FLIP-Laune begeistern.

www.chamaeleonberlin.com