Tortured Mind – sehenswerter Wahnsinn

Seit einiger Zeit schreibe ich immer wieder über Aufführungen von modernem Zirkus. Das Chamäleon in Berlin hatte mit einer Presseeinladung mich auf die Spur gesetzt. Nun hatte ich gesteren das große Vergnügen vom Künstlerkollektiv InPulse die Vorpremiere von Totured Mind zu sehen.

Ich bin sicher nicht der Kritiker zum Thema moderner Zirkus und sehe nur einen Bruchteil der Produktionen hier in Berlin, aber ich erkenne gute Performer und auch durchdachte Konzepte. Meine Kritik an vielen Shows ist daher der fehlende Zusammenhang. Oft erkennt man nur zu deutlich, dass die Artisten ihre Solonummer vorführen und diese von einem Regisseur meist mit lieblosen Zwischensequenzen zuammengekleistert werden. Von einer Geschichte oder gar einer Frage, die behandelt werden soll gar nicht zu sprechen.

Ganz anders gestern Abend bei Tortured Mind! Hier gibt es eine Geschichte und die Performer mit ihren ausordentlichen Fähigkeiten verstehen sie in spannungsvolle Bilder zu übersetzen. Einfach gesagt geht es um einen Mann (Alessandro di Sazio), der den Verstand zu verlieren scheint und daher Hilfe bei einer Psychaterin (Faon Shane) sucht. Im Laufe der 70 Minuten verändert sich das Verhältnis vom Patienten zur Ärztin und die Grenzen des Wahnsinns verschwimmen. Die Figuren entwickeln sich, zeigen neue Facetten und das Publikum sieht gespannt zu.

Dabei ist besonders faszinierend, wie die Akrobatik und Präzission der Performer es vermag eine absurde Welt des Inneren herzustellen. Im wahrsten Sinne des Wortes kann man an die Decke gehen, sich geistig verränken und in den Ketten der eigen Ansprüche gefangen bleiben. Durch Sound-Designer Patrick Zylka wird gar mit Stimme und Geräuschen joungliert und man weiß oft nicht, ob man ihm lieber beim Erzeugen des Sound zusehen oder die von ihm geschaffenen Bilder genießen will  – und dann kann er nicht nur das! Verrückt.

Und bis auf eine Ausnahme sind alle akrobatischen Elemente so in die Geschichte eingebunden, dass sie nicht als Einzelnummern auffallen – wofür es von mir einen Extraapplaus gibt!

Mein Fazit für Tortured Mind: Ansehen! Hier kann man in die Zukunft des modernen Zirkus sehen und sich dabei sehr gut unterhalten lassen.

Termine: vom 17.-26. Juli im Theater des Aufbauhauses
Infos: www.theater-aufbau-kreuzberg.de

Noch ein paar Worte, aber nur für das Ensemble! (Alle anderen lesen hier nicht weiter, sondern gehen Tortured Mind ansehen!) Danke für die Einladung und den Blick auf diese gelungene Arbeit. Was das Thema Geschichten – also das Storytelling – betrifft, habt ihr mich noch nicht zu 100% überzeugt. Denn ich sehe, was ihr erzählt, bin begeistert, wie ihr es erzählt, aber vermisse das Warum ihr es erzählt. Sollte ich mit der Antwort nachhause gehen, dass wenn man sich mit Wahnsinn beschäftigt, am Ende in den selben Ketten gefangen wird? Oder das die „Normalen“ die Wahnsinnigen sind?

Was ich mir vom moderen Zirkus wünsche ist mehr Haltung. Ihr habt so großartige Ausdrucksmittel mit Euren so gut trainierten Körpern, aber all zu oft werden nur Effekte gezeigt und nichts gesagt. Aber Menschen mit solch ausgeprägter Fähigkeit zur (Körper)Haltung wünsche ich den Mut auch mehr persönliche Haltung auf der Bühne zu bringen und das gern unterhaltsam.

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