Was braucht man zum Improvisieren? Eine Frage, die ich ab und an gestellt bekomme. Bisher war meine Antwort meist langatmig oder pointiert, doch das wird sich nun ändern, denn ich will ab heute hauptsächlich dazu raten: Gute Manieren.
Es ist (noch immer) Tom Hodgkinsons Buch „Die Kunst frei zu sein“, das mich auf den Gedanken brachte, besonders Kapitel 23 mit dem monströsen Titel „Verlasse die Welt der Grobheit, tritt in eine Ära der Liebenswürdigkeit, Höflichkeit und Anmut ein“. Er läßt sich in diesem Abschnitt über die Grobheit aus, die er als Begleiter des Geldes sieht: „Wie die kapitalistische Ethik mit dem Puritanismus heranwuchs, so sind auch Geld und Grobheit enge Gefährten.“ Seine Antwort auf diesen Zustand ist das Heraufbeschwören einer Welt der guten Manieren.
Was sind aber gute Manieren und warum sind sie zum Improvisieren notwendig? Wenn ich von Improvisation spreche, meine ich ein Werk, an dem mindestens 2 Menschen beteiligt sind. Jeder hat Ideen, bringt diese ein, was permanent den Zustand, den Prozess, das Gemisch verändert. Oft wird in Unterrichtssituationen gesagt, man solle einfach permanent JA sagen. Über diese schlechte Verallgemeinerung schimpfe ich im Artikel „Nein, ich habe Ja gesagt – Regeln beim Impro„. Es braucht gute Manieren, denn sie sind ein stilles Ja zu meinen Mitmenschen, ein „Ich-will-Dich-wertschätzen“ und ein „Obwohl-Du-mir-nicht-recht-bist,-wie-Du-bist,-bin-ich-doch-einverstanden-mit-Dir.“. Und auf dieser Basis läßt sich improvisieren. Denn was auch passiert, unsere Ideen schwingen nie gleich. Es wird immer Enttäuschungen im Prozess geben, Mißverständnisse, Unkenntnis aufgrunde unterschiedlicher Erfahrungen – das unablässige Scheitern. Für den Akt der Improvisation ist das förderlich, dort schöpft die Kreativität ihre Einmaligkeit, da entsteht Neues, Ungeahntes, der Zauber der Überraschung. Für das Zusammenspiel der Menschen sind diese Brüche jedoch eine Zerreißprobe. Wie schnell kann ein Mißverständnis persönlich genommen werden, dann wird statt Zufall Absicht vermutet und heimtückiger Vorsatz unterstell. Aus dieser Sackgasse ist schwer entkommen. Wie in einer zugeparkten Seitenstraße hilft hier nicht lautes Hupen, Schreierei und das Beharren auf Regeln und Rechten, sondern nur Höflichkeit und Geduld.
Mir ist klar, dass ein Rüpel alles verderben kann. Aber niemand möchte eine Bühne voll Rüpel sehen, die so tun als würden sie miteinander spielen, obwohl sie sich in Wirklichkeit auf einer Metaebene offen oder versteckt prügeln. Das macht keinen Spaß. Dann lieber einen Rüpel umringt von einer Schar freundlicher Menschen sehen, ihre positive Art bewundern und die eigenen Werturteile fällen.
Denn was macht ein höflicher Mensch, er nimmt wahr, wie sein Gegenüber handelt, sagt nicht einfach Ja, eher richtig und handelt dem entsprechend. Das Richtig ist hier nicht als Bewertung, sondern als Feststellung zu sehen. Der Partner bietet etwas, macht ein Angebot und ich nehme es als gesetzt. „Wenn das richtig ist, mache ich das.“ Es ist ein Weiterrechnen, auch wenn ein Zwischenschritt vielleicht ein fragliches Ergebnis hatte.
Treffen mehrere SpielerInnen mit Manieren zusammen, wird es ein Genuss sein zuzusehen. Darum schließe ich den Beitrag wie Hodgkinson sein Kapitel mit dem Aufruf:
SEI ANMUTIG