Mit gutem Gewissen über Kultur schreiben

Mit einem privaten Blog betritt man, ob man nun will oder nicht, das unsichere Terrain des Journalismus. Der Journalist stellt über Themen Öffentlichkeit her und bestimmt daher die Meinungsbildung mit, deshalb muss er eigentlich ausgewogen bewerten und unabhängig sein. Mein kleines Blog hat nun nicht die Reichweite und was ich hier schreibe beeinflußt sicher nicht all zu viele Menschen, dennoch versuche ich meiner Verantwortung gerecht zu werden.

Meine Bedenken zu diesem Thema sind momentan ganz konkret. Was ist passiert? Heute Abend werde ich mir die Show BEYOND im CHAMÄLEON Theater in Berlin ansehen. Grund dafür ist eine Anfrage über mein Blog, ob ich nicht die Show sehen und einen Artikel darüber schreiben wolle. Das ist nichts Neues. Ich habe schon viele Shows gesehen und darüber hier oder bei Impro-News.de geschrieben. Auch nicht neu ist, dass ich dafür Frei- bzw. Pressekarten bekomme. Eigentlich ein ganz normaler Vorgang, wie er tausendfach täglich in Deutschland vorkommt. Kulturjournalisten werden angefragt, zu Veranstaltungen eingeladen und schreiben darüber ihre Meinung.

Einen unbestimmt unwohligen Beigeschmack bereitet mir aber, dass die Anfrage nicht vom CHAMÄLION kam, sondern von TUG LTD – Creativ Search Marketing. Diese Agentur aus London betreibt unter anderem „Search Engine Optimisation“, „Social Media Marketing“ und „Creative Search Marketing“ für ihre Kunden. Man erhofft sich und erbat es auch offen von meinem Artikel einen Link auf die Seite des CHAMÄLEON und damit bessere Chancen bei der Verbreitung der Show. Werbung also, die natürlich ebenfalls eine Bericht in einer Zeitung wäre. Eigentlich auch ganz normal.

Und dennoch habe ich mir in meiner Zusagemail zwei Dinge ausgeboten:

„Zum einen werde ich offen schreiben, dass Sie mich eingeladen haben die Show zu sehen und ich darf im Gegenzug gern etwas schreiben  – ich sehe das im Sinne einer Pressekarte. Und 2. werde ich schreiben, was ich will und wie es mir gefallen hat.“

Mir ist beim Journalismus Transparenz und Belastbarkeit wichtig. Daher die Sorge mit diesem freundlichen Angebot in den Verdacht zu geraten eine Linkschleuder oder ein SEO-Blogger zu sein. Denn die Grenzen sind fließend. Aber mit diesem Artikel habe ich zumindest den ersten Punkt meiner Bedingungen erfüllt und Transparenz hergestellt. Somit kann ich zumindest vorerst mit gutem Gewissen über Kultur schreiben.

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4 Gedanken zu “Mit gutem Gewissen über Kultur schreiben

  1. Nun gut, es handelt sich eigentlich schlicht um PR. Eigentlich ist jeder Kontakt, der einen zu einer Verantstaltung bringt PR. Die Person erhofft sich zu einem gewissen Prozentsatz wohl immer, dass man möglichst wohlwollend über das Ereignis spricht oder schreibt und sich daraus ein werbender Effekt herausstellt. Wenn man solche Kontaktaufnahmen professionalisiert, indem man Geld dafür ausgibt (PR-Agentur o.ä.), dann ist das ja erstmal nicht schlecht.

    Vielmehr ist es die Aufgabe von „Journalismus“, zu bewerten und einzuordnen. Würde man dort auch hingehen und schreiben, wenn man die Einladung direkt von einer Person der Veranstaltung statt von einer Agentur erhalten hätte? Würde man überhaupt von der Veranstaltung erfahren? Wenn es mehrere Veranstaltungen parallel gibt, wieso geht man dann zu dieser und nicht zu jener? Verändert sich mein Bericht jetzt und Zukünftiges, weil mir von einer Agentur eine Frei/Presse-Karte und/oder weitere „Hilfen“ angeboten wurden?

    Ich denke, solange man ausgewogen bleibt, im Sinne von wen man besucht und worüber man berichtet, und darüberhinaus die Freiheit nimmt, zu berichten, wie man selbst denkt und nicht wie andere es möchten – Stichwort Unabhängigkeit, ist alles im grünen Bereich.

    Schön, dass Du es hier veröffentlicht hast – ich persönlich würde aber nicht an Deiner Unabhängigkeit zweifeln.

    PS: Wenn Impro News das möchte, könnte man für solche Anfragen natürlich über Sponsoring bzw. als solche gekennzeichnete gekaufte Links nachdenken. Solange das Transparent ist…

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