Wirklich gesehen!

Dieser Artikel fällt mir beim besten Willen nicht leicht. Zu verschiedenen Anlässen schrieb ich bereits über die Schwierigkeiten des Kritikenschreibens. Einen großen Unterstützer der konsequenten Besprechung von Stücken, besonders hier auf theaterblogs.de, fand ich in Robert Christott. Ich hatte die große Freude ihn genau vor einer Woche live (im wirklichen Leben) kennen lernen zu dürfen und will aber auch nicht unbesprochen an dem Theaterstück vorbeigehen, in dem ich ihn sah. Wie einfach wäre es, wenn ich jubelnd über "faites vos jeux!" urteilen könnte… aber ich kann nicht.

"faites vos jeux!" ist weniger ein Theaterstück als ein theatralisiertes Hörspiel. Der Text, die spannende Geschichte vom Aufstand der Arbeitnehmer, wird kontrastreich ineinander geschachtelt gesprochen. Die Erzählung nimmt einem in die Revolution durch Arbeitskonzentration mit. Stellt Zug um Zug die Figuren vor, die sich alle selbst spielen. Der Feuerwehrmann, die Verkäuferin, die Krankenschwester, der Busfahrer, der Bankangestellte und der Schauspieler (Robert) – sie proben den Aufstand indem sie nicht zu arbeiten aufhören. Ein Hörspiel, ein spannendes.

Und doch will mir der Abend nicht gefallen. Es sind Form und Konsequenz, die mich enttäuschen. An der Form stört mich, dass auf einer sehr abstrakten Ebene die Energie, der Zauber der Revolution verhandelt wird. Die Spieler, die bewusst keine Schauspieler sind, bewegen sich zwischen Vitrinen und stellen die Dinge ihrer Arbeit aus. Ein stetige Wechselausstellung in einem Museum – immer wieder Dinge hinein in die Vitrinen, Text und wieder hinaus. Diese Routine wird auch nicht gebrochen, weil die Revolutionäre vielleicht ihre Arbeitswelt nicht verlassen, ihre Routine nicht aufgeben, nicht durchbrechen können?

Da mir und anderen offensichtlich der theoretische Hintergrund für das Vitrinenspiel fehlte, entwickelte es eine starke Wirkung, die kaum zu übersehen war: Neben mir schlief eine Frau (sie hatte aber im Foyer bereits zwei Glas Wein genossen) und sonst konnte man so manchen Zuschauer beim Umhersehen beobachten. Vielleicht muss man so etwas beim bewussten Verzicht auf emotionales Spiel in Kauf nehmen. Aber ist das dann Theater? Braucht man solch einen rein formalen Ablauf, der sich selbst zum optischen Effekt degradiert?

Mein Gefühl sagt NEIN, denn da stehen Menschen auf der Bühne, die vieles von dem sie sprechen täglich tun. Das Subjekt der Betrachtung ist direkt vor mir und ich erlebe es dennoch nicht, sehe es nur, beschränkt auf eine abstrakte formale Ebene. Warum?

Der zweite Punkt meines Unverständnisses galt wie gesagt der Konsequenz. Der generelle Aufstand der arbeitenden Bevölkerung wird berichtet, ohne seine Folgen zu betrachten. Alles bleibt in der Tat und ohne seine Auswirkung. Manche Stückkritik, die ich las, lobte dies als bewusstes Spiel mit der Absurdität. Mein Verständnis von Absurdität ist aber eher eines der Widersinnigkeit – alles hat Konsequenzen, die vom Sinn her widerstreitend sind. Hier fehlt mir einfach etwas, dass ich gern formuliert, erforscht und gespielt gesehen hätte.

Mein abschließendes Urteil lautet also: "faites vos jeux!" ist als Hörspiel sehr hörenswert und diskussionswürdig, als Theaterstück (zumindest für mich) sehr fraglich!

Ich hoffe, Robert bereut nicht, mich zu seinem Theaterabend begrüßt zu haben.

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Ein Gedanke zu “Wirklich gesehen!

  1. Lieber Thomas, danke für diese spannende, dezidiert formulierte Kritik! Ich bereue es nicht im Geringsten, dass Du da warst. Jeder Zuschauer sieht jedes Stück auf seine Weise. Zu lesen wie Du Deine Sicht auf unser Stück beschrieben hast macht Spaß und erschließt sich mir völlig. Ich hoffe ich werd bald auch mal ein Stück von Dir sehen können.
    Lieben Gruß aus Kölle,
    Robert.

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